Schnappschüsse...
 

Eindrücke von Stefan Küng im "Landbote" 

Bonsoir, Monsieur Küng

Do 18-07-2019«Thibaut isst Gummibärchen»

Wie war Ihr Tag?
Ganz gut. Wir setzten das um, was wir am Montagabend besprochen hatten. Konkret: Ich kümmerte mich im Finale um Thibaut Pinot. Wir kamen gut durch, derweil es hinten einige Stürze gab - was auch zeigt, dass unsere Arbeit nicht vergebens ist.

Toulouse ist die erste Grossstadt dieser Tour. Welches ist Ihre liebste in Frankreich - abgesehen von Paris?
Paris kenne ich gut. Ansonsten, da muss ich ehrlich sein, bin ich kein Spezialist. Ich habe gehört, Colmar sei schön und Annecy.

Haben französische Radprofis besondere Tics?
Thibaut isst Gummibärchen direkt im Ziel - wie Sagan. Das ist nicht so schlecht - schneller Zucker. Und: Unsere Kleider sind weiss. Die Handschuhe und Socken aber recht schnell nicht mehr. Darum gibt es alle fünf bis sieben Tage je ein neues Paar.

Welche Abläufe sind anders bei Groupama-FDJ?
Bei BMC war im Ziel immer ein Riesenstress - wir Fahrer wurden mit Autos ins Hotel transportiert. In diesem Team sind wir beim Duschen alle so schnell, dass der Teambus immer als einer der Ersten losfahren kann. Das ist praktisch. (Interview: ebi.)

Mi 17-07-2019«Das tönt ja fast wie Ferien!»

Wie war Ihr Tag?
Sehr gut, zum Glück. Eine lockere Runde auf dem Zeitfahrvelo. Ein paar Medienverpflichtungen. Mittagessen. Etwas Zeit am Pool. Massage auf der Terrasse. Das tönt ja fast wie Ferien! Aber es ist eben nur ein Tag - morgen geht es wieder mit dem Ernst des Lebens weiter.
Sie logierten an der besten Adresse von Albi. Vergisst man da die Tour-Strapazen?
Wir erwischten ein sehr gutes Hotel, das war schon sehr schön. So kann man den Tour-Tross etwas vergessen. Wir machten darum auch keine klassische Kaffeeausfahrt: Dann sitzt man wieder irgendwo in der Stadt, sieht andere Velofahrer. Bei diesem Hotel hatte ich gar nicht das Bedürfnis, es zu verlassen.

Wie überstehen Sie als Kaffeeliebhaber die drei Wochen?
Das Team hat einen Kaffeesponsor. Die Bohnen sind eigentlich ganz okay. Zudem haben wir unsere eigene Maschine dabei, damit lässt es sich gut leben.

Worauf freuen Sie sich in der zweiten Tour-Woche?
Natürlich auf das Zeitfahren in Pau am Freitag, aus persönlicher Sicht. Und generell auf die Pyrenäen, weil da unser Leader Thibaut Pinot zeigen kann, was er draufhat. (Interview: ebi.)

Mo 15-07-2019
 Da gibt es keine Entschuldigung»

Wie war Ihr Tag?
Bitter, einfach bitter. Wir hatten die erste Woche perfekt gemeistert - bis heute. Enorm ärgerlich.

Wie wurde Ihr Team in der Windstaffel erwischt?

Wenn du für einen Leader fährst, musst du vertrauen können, dass er an deinem Rad bleibt. Doch wir verloren uns im Getümmel. Dann waren wir fünf Positionen zu weit hinten, als es riss. Ich machte noch einen Effort, weil ich glaubte, Thibaut sei an meinem Rad. War er aber nicht.
Was passierte mit Ihnen?

Ich hatte schon die ganze Etappe viel gearbeitet. Irgendwann gehen dir die Reserven aus. Ich mache mir auch Vorwürfe, bin schliesslich für diese Situationen da. Ich hatte befürchtet, dass dies unser Schwachpunkt wäre. Aber ich bin 25, die meisten über 30. Da machst du nicht die grossen Ansagen.
Wie war die Stimmung im Bus?

Als wäre jemand gestorben. Eiszeit. Es geht um so viel. Und dann wegen so etwas Blödem. Wenn 45 Mann vorne sind, musst du einfach dabei sein. Da gibt es keine Entschuldigung.

Worauf freuen Sie sich am Ruhetag besonders?
Man sollte ihn ja geniessen können, etwas abschalten. Das wird jetzt schwierig. (Interview: ebi.)


Sa 13-07-2019
«Bardets Angriff für die Show»

Pinots Attacke am Samstag, 14 Juillet am Sonntag - wie war Ihr Wochenende?

Der Start war am Sonntag fast der härteste Moment, als ich ein Loch zu einer Gruppe mit Ala philippe schliessen musste. Dann rollten wir dahin, ehe zuletzt der Angriff von Bardet kam - aber der war ja nur für die Show. Ich nahm es so gemütlich wie möglich. Thibaut ist super in Form. Wir machten am Samstag Witze, dass er angreifen solle wie bei seinem Sieg an der Lombardei-Rundfahrt - und er machte es. Das zeigt seine Topform.

Der erste Ruhetag kommt einen Tag später. Macht das einen Unterschied?
Man merkt, dass das Feld müde ist. Es war heute nicht sehr schnell, und doch wurden Leute schon früh abgehängt.

Wie viel verrückter reagierten die Franzosen am Nationalfeiertag auf Sie als Fahrer in Rot-Weiss-Blau?
Sie fieberten definitiv viel mehr mit einem mit.

Nach der Etappe: Proteinshake oder echte Nahrung?
Beides: Erst ein Winforce- Shake, weil die guten Proteine und Aminosäuren wichtig sind. Dann echte Nahrung, heute Haferflocken-Pancakes. (Interview: ebi.)

 Fr 12-07-2019 «Stellen Sie sich vor, Sie müssten ins 20. Stockwerk»

Wie war Ihr Tag?

Eigentlich relativ gut - es entwickelte sich für uns das ideale Szenario. Die Fluchtgruppe fuhr schon vor dem ersten Berg davon. Wenn sie nicht schon da weggefahren wäre, hätte es einen grossen Fight gegeben. Danach wurde den ganzen Tag ein Tempo angeschlagen, das schon sportlich ist, bei dem du aber nicht ans absolute Limit gehen musst.


Erklären Sie einem Nicht- Velofahrer, wie es sich anfühlte, sich diesen unglaublich steilen Schlusskilometer hochzukämpfen.

Stellen Sie sich vor, Sie müssten in einem Hochhaus ins 20. Stockwerk - und der Lift fährt nicht. Und es gibt keine andere Möglichkeit, als die Treppe zu nehmen. Ungefähr so. Wir wissen: Egal, wie steil es ist, wir müssen einfach irgendwie hoch ins Ziel.

Was geht einem durch den Kopf, wenn man fast stillsteht, weil die Strasse so ansteigt?
Nicht mehr viel: Man schaut nur noch auf die Schilder am Streckenrand: 200 Meter, 150 Meter ...

Ihre Wahl bei den Elsässer Spezialitäten: Lieber Sauerkraut oder Flammkuchen?
Keine Frage: Flammkuchen. Gab es für uns Fahrer aber leider keinen. (Interview: ebi.)

Do 11-07-2019  «Wir sprachen übers Entkalken»

Wie war Ihr Tag?

Nicht mega top, ich hatte nicht die besten Beine heute. Dazu kam, dass es ein hartes Finale war. Aber in einer schönen Region. Müsste ich eine Tageswertung abgeben, würde ich sagen, 6 von 10 Punkten, weil: Unser Leader Thibaut Pinot kam gut durch - und das ist die Hauptsache.

Welches französische Wort haben Sie zuletzt gelernt?

Calcaire, das heisst Kalk. Wir kamen darauf, weil wir über das Entkalken der Kaffeemaschine sprachen.

Diskutieren die französischen Profis über andere Dinge als die englischsprachigen?

Es geht halt mehr um Frankreich - so, wie jeder über sein Leben spricht. Aber im allgemeinen sind die Themen ähnlich. Wir diskutieren viel übers Rennen, das ist in jedem Team gleich.

Jacques Anquetil oder Bernard Hinault?

Ich kenne beide nicht so gut. Heute Morgen las ich gerade noch einen Artikel über Laurent Jalabert. Aber ich wähle Anquetil - Hinault hat nicht den besten Ruf. Sein Übername ist Blaireau. Und wenn man Französisch spricht, weiss man, dass das nicht gerade ein Kompliment ist (Anm.: Die präzise Übersetzung wäre «Dachs», es ist aber auch ein Schimpfwort im Stile von «Idiot»). (Interview: ebi.)

Di 10-07-2019  «Mein Name wird viel öfter gerufen»

Wie war Ihr Tag?

Ein typischer Tour-Tag. Eigentlich passiert gar nichts. Aber es braucht nur ein bisschen Wind - und schon werden alle nervös. Unser Leader Thibaut Pinot hatte 40 Kilometer vor dem Ziel einen Plattfuss. Krass: Wir hatten danach keine Chance mehr, ihn im Feld wieder nach vorne zu fahren, so dicht war dieses. Das ist schon sehr speziell - typisch Tour.


Ihr Ex-Teamkollege Michael Schär fuhr fast 200 Kilometer voraus. Neidisch?

Nein, gar nicht! An einem Tag wie heute, nur zu dritt auf diesen langen, geraden Strassen. Da war ich froh, konnte ich mich im Feld verstecken. Ausser TV-Präsenz kannst du da vorne nichts abholen. Michi sagte mir danach: «Ob ich für meinen Leader im Feld zuvorderst fahre oder in der Spitzengruppe, kommt auf das Gleiche heraus.» Recht hat er, dass er sich zeigt - und Spass hat.

Die Tour in einem französischen Team. Was ist anders?

Die Erwartungen der Fans sind viel grösser. Ich merke, dass mein Name am Strassenrand viel öfter gerufen wird. Und: «Wir glauben an euch!» «Passt gut auf Thibaut auf!» Und wenn wir im Hotel ankommen: Da sind 50 Leute, die auf Autogramme warten.


Baguette oder Croissant?

Keines von beidem. Lieber dunkles Brot aus der Schweiz - das Beste, was es gibt. (Interview: ebi.)

 Mo-09-07-2019 «Ich bin gar kein Freund von Champagner»

Wie war Ihr Tag?

«Fast and Furious» war heute das Motto. Wir hatten mehrheitlich Rückenwind, entsprechend schnell wurde gefahren. Ich hatte vor dieser Etappe recht Respekt. An der Tour de Romandie hatte mir ein Teamkollege ein Video von der Strecke gezeigt, ich dachte: Boah, an dem Tag wird es ein richtiges Massaker geben. Zum Glück gab es keine grossen Stürze. Ich musste zwei-, dreimal hinter kleinen Stürzen abbremsen. Ansonsten kam ich aber gut durch.

Es ging durchs Champagnerland. Wie haben Sie es mit Schaumwein?

An diese Region habe ich Erinnerungen aus meiner U-23-Zeit, am Chrono Champenois fuhr ich aufs Podest. Dafür erhält man eine riesige Champagnerflasche. Ich suchte danach einen Anlass, an dem ich diese mit Familie und Freunden teilen konnte. Denn ich bin gar kein Freund von Champagner. Andererseits: Wenn man einen Grund zum Feiern hat, muss es fast eine Flasche Champagner sein.

Nach dem Auftakt in Belgien: Fühlt sich die Tour anders an auf Frankreichs Strassen?

Nicht unbedingt. Am Grand Départ hat es immer extrem viele Leute - heute aber doch auch. Denn die Strassen sind anders: In Frankreich hat es keine Betonplatten-Strassen wie in Belgien - dafür viel mehr Verkehrsinseln und so. (Interview: ebi.)

 Mo 08-07-2019  «Ich war hier schon gefühlte fünfzig Mal angekommen»

Wie haben Sie den Tour-Start in Brüssel erlebt mit der Auftaktetappe am Samstag und dem Mannschaftszeitfahren am Sonntag?

Der Auftakt war gut. Unser Ziel war es, ohne Probleme durch zukommen, nicht zu viel Zeit zu verlieren - oder sogar Zeit zu gewinnen auf die grössten Kon kurrenten. Das klappte ganz gut. Die erste Etappe ist immer meganervös, weil das Maillot jaune auf dem Spiel steht und der erste Etappensieg - es ist halt die Tour de France. Man sah es, als das Team Bora-Hansgrohe von Peter Sagan auf einem Pavé-Sektor richtig schnell fuhr: Sofort zerriss es das ganze Feld. Genau deshalb müssen wir immer sehr aufmerksam sein.

Wie belgisch war denn nun dieser Grand Départ?

Sehr belgisch. Die Tour erwies Eddy Merckx damit eine riesige Ehre. Und ich konnte erstmals die Stadt Brüssel entdecken. Ich war zwar schon gefühlte fünfzig Mal hier am Flughafen ange kommen. Aber in der Innenstadt war ich noch nie gewesen. Jetzt konnte ich sie auf dem Velo entdecken - sie gefiel mir sehr gut.

Welche Belohnung erhielten Sie für Ihre Arbeit als «Lokomotive» im Teamzeitfahren?

Die gleiche wie alle Fahrer des Teams: eine Mousse au Chocolat, die mir sehr geschmeckt hat. Unsere Teamköche verwöhnen uns bestens. (Interview: ebi.)

 Sa 06-07-2019 Die Tests beginnen schon vor den grossen Bergen

Tour de France Der Parcours prüft die Favoriten früh. Bereits der Sonntag bringt eine erste Ausscheidung.

Der Aufgalopp zur 106. Tour, er ist geradezu freundlich. Belgien ist bekannt für seine Frühjahrsklassiker. Und diese definieren sich durch all die kleinen, fiesen Hügelchen, welche sich durchs Land ziehen und auf gepflästerten Strässchen überquert werden müssen. Ein Klassiker im Sommer wäre da nichts als logisch gewesen als Auftakt der Tour de France. Doch so brutal wollte man dann doch nicht in die Grand Tour starten.

Natürlich besucht das Rennen heute ein paar legendäre Hügelchen. Doch das Finale zurück nach Brüssel ist so flach, wie es in der Region möglich ist. Das erste Maillot jaune machen deshalb die Sprinter unter sich aus. Kandidaten gibt es mit Dylan Groenewegen, Elia Viviani, Peter Sagan oder Caleb Ewan genug, auch wenn mit Marcel Kittel (Auszeit) und Mark Cavendish (nicht aufgeboten) die zwei häufigsten Etappensieger der Gegenwart fehlen.

Küngs Schlüsselrolle morgen

Mehr als den einen Tag dürfte sich der siegreiche Sprinter aber kaum in Gelb sonnen. Der Sonntag bringt ein Teamzeitfahren, in dem es eine starke Equipe braucht, um sich nicht einen beträchtlichen Rückstand einzuhandeln. Das Team Ineos mit den Topfavoriten Geraint Thomas und Egan Bernal ist da sehr gut aufgestellt. Eine Schlüsselrolle hat auch Stefan Küng, er soll dafür sorgen, dass Frankreichs grösste Hoffnung Thibaut Pinot nicht schon vor den Bergen in Rücklage gerät.
Die erste Woche sieht das Rennen Richtung Süden ziehen. Die Berge sind noch ein schönes Stück entfernt, flach sind die Etappen deshalb trotzdem nur selten. Was das Rennen attraktiv macht - und zugleich den Stress für die Favoriten erhöht. Am Donnerstag wird die kurze, zum Ziel hin immer steiler werdende Bergankunft in La Planche des Belles Filles aufzeigen, wer die Beine hat, um in dieser Tour etwas auszurichten. Und vor allem: wer nicht.
Das ist die Krux der ersten Tour-Woche: Das Rennen gewinnen lässt sich erst in den Bergetappen, jene der Pyrenäen folgen auf den Etappen 12, 14 und 15.
Verlierer gibt es aber schon viel früher. Keiner weiss das besser als Richie Porte, zuletzt jeweils einer der grössten Herausforderer des Teams Sky. Dieses Jahr hat der Australier vor dem grossen Angriff ein anderes Ziel: die 9. Etappe zu überstehen. 2017 und 2018 stürzte er auf dieser aus dem Rennen. (ebi) 


Danke für Ihr Interesse

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